Erfahrbare Nachhaltigkeit Bramscher Nachrichten: Nachhaltigkeit macht Schule
Bramscher Nachrichten: Nachhaltigkeit macht Schule

Aus den Bramscher Nachrichten vom 15.01.2010:

Eine Heizung macht Schule

Erfahrbare Nachhaltigkeit – ein überregionales Bildungsprojekt

Artikel aus den Bramscher Nachrichten vom 15.01.2010hols

Bramsche.

Die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind heute zwar allgegenwärtig, doch führen Faktenwissen oder Klimakonferenzen, wie unlängst die in Kopenhagen, nicht verlässlich zu einem tatsächlich nachhaltigen Handeln. Dass sich aber durch regionale Initiativen doch einiges bewegen lässt, zeigt die Freie Waldorfschule Evinghausen. Dort gibt es, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, das Bildungsprojekt „Erfahrbare Nachhaltigkeit“. Dr. Alexander Piecha, Klassenlehrer und Ansprechpartner für diese Initiative, erläutert die Möglichkeiten, wie selbst eine Hackschnitzelheizung Schule machen kann.

Herr Dr. Piecha, heizen muss jede Schule, was ist an der Waldorfschule dabei so besonders?

Alexander Piecha: Natürlich wird auch bei uns nur mit warmem Wasser geheizt. Jedoch waren wir seinerzeit auf der Suche nach einer Alternative zu den herkömmlichen Energielieferanten von Öl oder Gas. Hierbei konkretisierte sich das Anliegen, eine Heiztechnologie zu verwenden, die einerseits eine gewisse Unabhängigkeit von Preisspekulationen bietet, andererseits idealerweise regionale Anbieter berücksichtigt, also unmittelbar vor Ort auch Arbeitsplätze schafft beziehungsweise sichert. Mit unserer Hackschnitzelheizung haben wir jetzt eine solche Technologie gefunden, die inzwischen die gesamte Schule CO2-neutral mit Wärme versorgt. Dabei dient die Anlage selbst auch als Kern unseres Bildungsprojektes zur erfahrbaren Nachhaltigkeit, welches seinerseits von der DBU gefördert wird. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ist eine der größten Stiftungen in Europa. Sie fördert innovative beispielhafte Projekte zum Umweltschutz und hat seit 1991 über 7400 Projekte mit mehr als 1,3 Mrd. Euro Fördervolumen unterstützt.

Nun fördert die DBU ja nicht einfach nur so mal eine neue Heizung. Was hat die Wärmeenergieversorgung der Waldorfschule, das andere Heizungen nicht haben?

Alexander Piecha: Gefördert wurde natürlich nicht die Installation einer Heizanlage sondern das Bildungsprojekt als Ganzes. Die Heizung selbst ist dabei nur ein zentrales Anschauungsobjekt. Ein wesentlicher Förderungsgrund aber war gerade unsere Funktion als Multiplikator für den Nachhaltigkeitsgedanken. An einer Schule kommen naturgemäß viele Menschen zusammen und tauschen Ideen aus und die wollen wir mit unserem Projekt anstiften zu eigenem Tun: Eltern, Lehrer, Schüler und Gäste.

Eine Hackschnitzelheizung stellt eine effektive und nachhaltige Form der Energiegewinnung dar, die so bekannter werden kann. Alle technischen Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt, werden von uns dabei dokumentiert und veröffentlicht und können so für potentielle Nachahmer hilfreich sein.

Aber das Projekt fördert zudem die regionalen Wirtschaftskreisläufe: Wir werden nicht von anonymen Öl- oder Gaslieferanten beliefert, sondern durch die Forstbetriebsgemeinschaft Engter auf der Basis einer langfristigen, partnerschaftlichen Kooperationsvereinbarung. Wir als Schule erhalten eine sichere Energieversorgung. Die Waldbauern erhalten eine gute Absatzmöglichkeit für Resthölzer aus Pflegeschnitten bspw. aufgrund der Verkehrssicherungspflicht, aus Windwürfen oder Schneebruch sowie eine Nutzungsmöglichkeit für das bei den ersten Läuterungen anfallende sehr schwache Holz.

Zudem sprechen etliche ökologische Aspekte für das Projekt: Die bessere Pflege der Wälder, die den Schädlingsdruck reduzieren hilft, die hervorragende Speicherbarkeit der im Holz enthaltenen Sonnenenergie, die kurzen Transportwege, die ausgeschlossenen Umweltrisiken durch Unfälle, die bei Öltankern oder Atomkraftwerke schnell dramatisch ausfallen oder die praktische Unerschöpflichkeit des Energieträgers Holz bei nachhaltiger Nutzung sind nur einige Argumente für diese Zusammenarbeit.

Und eine neue Heizung kann auch den Lehrplan einer Schule beeinflussen. Wie funktioniert denn die Tatsache, dass bei Ihnen Heizung Schule macht?

Alexander Piecha: Die Pädagogen der Waldorfschule haben quasi um die Hackschnitzelheizung herum ein schulisches Curriculum entwickelt, das die Idee der Nachhaltigkeit vermittelt. Das geht nicht erst aus einer vernunftgemäßen Bearbeitung der Thematik heraus, sondern muss sehr lange vorher ansetzen. Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl müssen angelegt werden. Verständnis für Notwendigkeiten und das Empfinden, sich selbst als Teil des Ganzen der Natur zu erleben, sind weitere Voraussetzungen.

Die aktive gefühlsmäßige Zuwendung zur Natur bildet die Basis für ein späteres verantwortungsvolles Handeln aus Einsicht. In frühen Jahren lernen darum die Kinder, für ihre Lebenswelt Verantwortung zu übernehmen. Auch die von der Waldorfpädagogik in den ersten Klassenstufen gepflegte Schulung eines ästhetischen Empfindens hilft dem Menschen später, sich in seiner Umwelt sinnvoll zu orientieren, insbesondere Schönes zu erkennen und zu bewahren. Später in der Mittelstufe kommen dann „beobachten und untersuchen“ hinzu, bis schließlich in der Oberstufe die Urteilskraft des einzelnen Schülers gefordert wird.

Können Sie all dies anhand von konkreten Beispielen erläutern?

Alexander Piecha: In den Klassen eins bis vier werden den Kindern möglichst vielfältige und unmittelbare Möglichkeiten zu authentischer Naturerfahrung und zur Sinnesschulung geboten: Waldspaziergänge, aktives Miterleben des Jahreskreislaufs, auch im Klassenzimmer, Müll sammeln auf dem Schulgelände, Klassenzimmerdienste, eigentätige Erfahrungen mit dem Ackerbau, in alten Handwerken sowie im Hausbau, Heimatkunde, Wetterkunde, all dies gehört hierzu. Außerdem gibt es das Amt der Energiedetektive, die darüber wachen, dass das Licht beim Verlassen des Raumes ausgeschaltet, die Heizkörperthermostate nicht unnötig hoch eingestellt sind und keine Kipp- sondern Stoßlüftung betrieben wird.

In der Mittelstufe lernen die Schüler dann vermehrt in den verschiedenen Fächern wie Gartenbau oder Chemie, dass ihr Tätigsein Auswirkungen auf die Welt hat, und reflektieren das in Schriftform oder in Referaten. Selbst viele Klassenfahrten in diesem Alter werden bewusst so gewählt, dass die Kinder tätig in der Welt unterwegs sind: Forstpraktika, Fahrrad- und Kanutouren, Wanderungen, Segelkurse. Aber auch auf und um das Schulgelände herum gibt es viel zu tun, beispielsweise beim Amphibienschutz.

In der Oberstufe geht es dann um kognitive Erkenntnis: Die Schüler lernen im Biologieunterricht ökologische Zusammenhänge zu erfassen. Sie erarbeiten sich beispielsweise, ausgehend von der Hackschnitzelheizung der Schule, in Projektgruppen die technischen und umweltrelevanten Aspekte der Wärmeversorgung und geben ihr Wissen an andere Schülergruppen, aber auch an Eltern und externe Interessierte weiter. In den verschiedenen Fächern werden so die relevanten Themen immer wieder unter einem anderen Blickwinkel bearbeitet.

Das Projekt „Erfahrbare Nachhaltigkeit“ verlässt aber auch das Schulgelände. Inwiefern?

Alexander Piecha: Damit die „Erfahrbare Nachhaltigkeit“ nicht nur in Evinghausen Schule macht, hat das Berufsbildungs- und Technologie-Zentrum der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland den Besuch der Hackschnitzelheizung sowie den Austausch mit Lieferanten und Schulvertretern bereits fest in ihren Lehrplan für Meisterschüler im Heizungsbauerhandwerk aufgenommen. Angehende Handwerksmeister können sich so in der Waldorfschule von der Praktikabilität dieser Technik vor Ort überzeugen.

Ferner soll wie erwähnt diese modellhafte regionale Kooperation der Projektpartner Forstbetriebsgemeinschaft, Handwerkskammer und Schule andere anregen, Ähnliches zu versuchen.

Die bereits dokumentierten Erfahrungen sind auf unserer Webseite unter www.erfahrbare-nachhaltigkeit.de einsehbar.

 

www.dbu.de

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